Kretschmars Schattenlogbuch 00002
„In Generalproben steckt das Wort: General“ Manche nennen’s Endspurt. Für andere ist’s der Moment, wo sich zeigt, was zählt. Und für ein paar wenige war es auch schon mal eine Bühne vor der Bühne – zur Demonstration ihrer Autorität. Die Generalprobe. Ein nahezu heiliger Ernstfall. Das, was in der Schul‘, der Feueralarm war: Eine Art Test, der in die Privatsphäre reicht. Und manchmal: das letzte Glied in einer langen Befehlskette. Die Stresslevel-Schraube wird noch mehr angezogen. Ich hab in meiner langen Laufbahn schon erlebt, wie ein kleiner Versprecher zum „Symptom“ erklärt wurde. Wie ein zögernder Blick als „fehlender Wille“ gedeutet wurde. Und wie sich der Tonfall veränderte – subtil, aber spürbar: von partnerschaftlich zu befehlend, von suchend zu strafend und herabwürdigend. Da wird dann nicht mehr gearbeitet, da wird gewertet. Nicht mehr gefragt, sondern gleichsam verhört. Und man spürt: Es geht nicht um die Szene. Es geht um die Kontrolle. Um Hierarchie. Um den Beweis, dass jemand „weiß, wie es geht“ – und dass du’s gefälligst lernen sollst. Dabei wär jetzt allerspätestens der Moment, wo man loslassen müsste. Vertrauen. Gemeinsam zittern dürfen. Stattdessen zittern manche allein – um ihr Gesicht, um ihre Würde, um ihren inneren Halt. Ich frag mich: Wann ist eigentlich das Theater vom Ort der Möglichkeit zum Ort der Macht geworden? Und warum stand ich so lang da – mit Textbuch, Schweißperlen und pochendem Herzen – und dachte mir leise: „Na, ein bissl MUT von gegenüber wär vielleicht doch schön g’wesen. Anstatt der Drill.“ Aber vielleicht bin ich einfach gestern schon von gestern g’wesen. Oder afoch nur: Da Kretschmar.