Kretschmars Schattenlogbuch 00007
Das Theater als Enklave autoritärer Phantasien
Das Theater – auf den ersten Blick ein Ort der Freiheit, des Spiels, der Grenzüberschreitung.
Doch bei näherem Hinsehen: eine paradox strukturierte Institution.
Ein Raum kontrollierter Entgrenzung.
Sein Versprechen ist Subversion – sein Fundament jedoch: Gehorsam.
Erstaunlich, dass es stets rebellisch tut, wo es doch genau dafür gebaut wurde.
Was ist nun eine Probe?
Eine Inszenierung?
Ein ästhetischer Machtakt unter dem Banner der Kunst.
Das Theater kennt keine flachen Hierarchien.
Im Gegenteil – es lebt vom Prinzip der Einseitigkeit:
Einer spricht, viele hören zu.
„Da Traina schreit, du rennst!“
Ein Konzept wird entworfen, alle folgen – nur nicht im Stechschritt.
Ein Text steht fest, die Interpretation hat sich zu beugen.
Warum ist das so?
Weil das Theater – trotz seines rebellischen Gewands – selbst ein Kind feudaler Repräsentationskultur ist.
Ein Ritual aus Höfen, Kirchen und Kasernen.
Ein Medium, das den Absolutismus weiterträgt – mit anderen Mitteln.
Nicht als Befehl, sondern als Vision.
Nicht als Gewalt, sondern als Disziplin durch Ästhetik.
Selbst seine Urmutter, die Azione Sacra, die „heilige Handlung“, ging vom Dogma aus.
– Theater ist das Symptom, gleich einer „Effloreszenz“, das versucht die Ursache zu bekämpfen, obwohl es selbst ja beides ist: Ursache UND Wirkung.
In dieser Logik wird die Schauspielerin, der Schauspieler zum Material.
Im schlimmsten Fall: zu „Kanonenfutter“.
Formbar. Ersetzbar.
Was zählt, ist nicht der Mensch – es ist die Wirkung.
Die Figur. D‘ Fassad’.
Und überall das Prinzip der Masse:
Das Publikum ist Masse.
Die Schauspieler sind Masse.
Alle hinter, neben und abseits der Bühne – Masse, Masse, Masse.
Formbar, austauschbar, alleinig dem Prozess unterworfen: der „Schlacht“. Der Aufführung. Der „Performance“.
So bleibt das Theater oft ein Ort, an dem gerade die Illusion von Freiheit zur effektivsten Form der Kontrolle wird.
Und die progressivsten Parolen nur frischer Lack auf uralten Machtmustern.
Oder wie da Kretschmar sagt:
„Wenn olle frei sein dürfen, aber kana widersprechen soi – dann is des vielleicht goa ka Theata? Sondern a Apparat?“