Kretschmars Schattenlogbuch 00009

Dialekt unter Verdacht: Vom Verhör der Sprache und dem Verlust des Eigenklangs
Die Welt redet.
Und Ermittler Kretschmar hört genau zu.
Zuerst war’s wie ein Rauschen.
Dann wurde es glatter.
Glitschiger.
Wie wenn man einem Fluss die Steine rausnimmt, damit er sich „leichter anhört“.
Aber das Wasser verlor sein Kraft.
Und Kretschmar irgendwie sein Gehör.
Seit seinem letzten Tatort, sowie einer verlorenen Handschrift österreichischer Kriminalgeschichte, glaubt er, etwas stimmt nicht mit seinen Ohren.
Nicht medizinisch – metaphysisch.
Denn was er hört, ist heute vielerorts keine Sprache mehr.
Sondern ein… Sprecherservice.
Dinge, die man sagt, damit man „verstanden“ wird.
Nicht, damit sie gemeint sind.
„Du hast… g’habt, g’sagt… gehabt… aber geeehh,“ – aber nie: „heast“, „sog amoi“, oder „g’hobt“, murmelt er,
während er sich Notizen macht.
Doch auch das Notizbuch hat keine Lust mehr auf Dialekt.
Autokorrektur:
„Hobt“ → „Hobbit“. Ein Notizbuch-Tilt.
Das Notizbuch will ins Auenland, aber sicher nicht in die Leopoldau …
Er fragt Nadja, die Zuagraste, seine persönliche, ganz eigenartige Bibi Fellner, ob sie das auch hört.
Sie antwortet mit rauhem Akzent:
„Waast Krjetschmar, die Wjelt chat Angst vor Missversteendlichkeit.
Aber gerade in der Missversteendlichkeit ljebt der Meensch.“
Kretschmar denkt:
Wenn man sich nur verständlich macht, um verstanden zu werden … wer versteht dann eigentlich noch das, … was man nicht sagt?
(Nun, eine Bulgarin in Wien muss es ja wissen. Bussi.
Er nennt sie liebevoll seine „Sophia Loren“. „Des mocht denan Wienern weniger Angst“, sagt er … und, „weil sie in der Fremdheit dieser Stadt SO-VER-LOREN“ ist)
„Wean ohne weanarisch, is fast wira Tatort ohne Tatort“, seufzt Kretschmar enttäuscht.
„Einsatzlos“, wie der Dialekt beim Drehbuchmeeting, sinkt er in sei oid’s Fotö…