Kretschmars Schattenlogbuch 00015

Aus dem inneren Exil des Unzeitgemäßen

Zähne zeigen – Die Emanzipation und ihr Kampfhund

EM der Frauen.
Fußball.

Oder sollte ich sagen:
Kampfkunst mit Pferdeschwanz.

Sie springen, sie beißen sich rein, sie schwitzen mit Überzeugung.
Sie wollen. Und sie dürfen endlich.

Wunderbar, nicht wahr?

Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich Frauenfußball mittlerweile lieber schaue, weil er spielerischer und etwas langsamer ist. Beides: noch.

Aber dann, O-Ton Reportage:

„Sie spielte trotz Magen-Darm … sie ist eine stolze Isländerin … sie hat auf dem Platz zweimal die Hose gewechselt.“

Ich kann mich nicht erinnern, diese undelikate Detailverliebtheit je im Männersport gehört zu haben.

Und während ich zuhöre, beschleicht mich ein Gedanke:

Was, wenn Emanzipation irgendwann bedeutet, genau jene Gesten zu übernehmen, die einmal als Insignien der Macht galten?

Härte. Durchsetzung. Skrupellosigkeit.
Zähne zeigen.

Das Geschlecht einmal außer Acht gelassen: Mir macht das Unbehagen.

Gleichzeitig läuft auf dem Zweitkanal eine Dokumentation.
Ein Millionär, Pionier des Frauenfußballs, finanziert das Ganze. Eine asiatische Milliardärin besitzt mehrere Clubs.

„Empowerment“, nennt man das wohl.

Ich nenne es: die goldene Leine für den nächsten Tanzbären.

Aber lassen wir das.

Ich schalte um.

American Football der Herren. Deutsche Liga.

Früher: testosterongeschwängerte Götterschlacht.
Heute: höfliche Ramme mit Helm.

Niemand zelebriert sich. Niemand schreit übermäßig. Gedämpfte Männlichkeit, fast selbstverständlich angenehm.

Ein Sport wie der eines Sachbearbeiters.
Solide. Gut organisiert.

Wie kommt’s?

Die Männer sind offenbar müde geworden, die Krone der Schöpfung zu tragen. Vielleicht gar nicht schlecht.

Dafür haben jetzt andere das Megafon in der Hand.
Und die Faust.
Und den Aufschrei.
Und die Marke.

Doch etwas stört mich.

Es sind nicht die Frauen.
Es ist nicht die Bewegung.

Es ist die Bühne, die Befreiung offenbar braucht.

Denn wer wirklich frei ist, muss es nicht dauernd beweisen.
Er ist es.

Und wer permanent ruft: „Ich bin gleich!“, verrät vielleicht vor allem, wie tief der Zweifel daran noch sitzt.

Mir scheint:

Viele moderne Emanzipationen sind wie ein schlechter Western.

Draußen auf der Straße wird geballert, drinnen im Saloon liegt der wahre Gegner – unterm Tresen, gut versteckt:

das eigene verletzte Selbstbild.

Aber Hauptsache, der Colt sitzt gut.

Ich weiß, ich bin kein Womanizer.
Aber ich habe Sehnsucht nach einer Befreiung, die nicht mit PR-Agentur, sondern mit Selbstüberwindung im Inneren arbeitet.

Mit Geduld.
Mit Schweiß.
Mit Stille.

Kurz: mit allem, was sich nicht verkaufen lässt.

Aber das ist völlig unsexy.
Kein Trend.
Bringt keine Klicks.

Ich sage das nicht als Zyniker.

Ich sage es als Mann, der sich selbst zutiefst nach Befreiung sehnt.

Aber nicht im Geschlecht.
Nicht im Körper.

Im Sein.

Denn wahre Emanzipation – das weiß jeder, der einmal einen dunklen Wald durchquert hat – ist kein Schrei nach außen.

Sie ist ein leiser Entschluss nach innen.

Ein Wagnis.
Ein Sterben.
Ein Verlernen.

Und oft ein Kampf gegen Windmühlen.

Sie braucht Zeit. Geduld. Die Bereitschaft, sich selbst zu verlieren.

Wer hat heute noch den Mut, sich selbst zu verlieren, wo alles nur aus Gewinnern besteht?

Aus Eroberern.
Langlebig Schönen.
Power-Rangers und -Rangerinnen.

Und so ernährt die Gesellschaft weiterhin den falschen Wolf:

Den der Pose.
Der Beleidigung.
Der Lautstärke.
Des Gegensatzes.

Und im Endeffekt – ja, man lasse es mich so hart formulieren:

den des Krieges.

Die Welt liebt den lauten Wolf.

Den mit den guten Slogans.
Den mit der richtigen Meinung.
Den, der sich verkauft, liket, strahlt, performt.

Doch da ist noch der andere.

Der Wolf, der im Schatten sitzt und nicht gesehen werden will.
Der sich dem inneren Feuer der Ungewissheit zu nähern wagt und schweigt.

Er kennt keine Fahnen.
Keine Seiten.
Kein Geschlecht.

Nicht einmal Identität.

Die alte Leier:

Welcher Wolf wird gewinnen?

Der, den wir füttern.