Kretschmars Schattenlogbuch 00018

Aus dem Schattenlogbuch der Stillen Brandherde

Der Faschismus mit Zimmeretemperatur

Wenn vom Faschismus gesprochen wird, sehen viele noch immer Stiefel, Fackeln, Parolen, Fahnenmeere. Das Monster ist historisch gut verortet: NS-Zeit, rechte Randgruppen, Diktatur, Rassenwahn.

So bleibt es ein anderes Wesen, ein abgeschlossenes Kapitel, ein Alptraum der Vergangenheit.

Bequem.

Denn was man als Ausnahme betrachtet, muss man nicht in sich selbst suchen. Dann kann man getrost auf dem selbstreflektierenden Auge blind bleiben.

Doch Faschismus beginnt nicht erst mit Uniform und Aufmarsch. Lange bevor er politische Gestalt annimmt, bedient er sich menschlicher Dispositionen, die viel alltäglicher sind: Abwertung, Hierarchisierung, Selbstüberhöhung, Ausschluss. Dem Bedürfnis, Zugehörigkeit durch Abgrenzung herzustellen.

Diese Mechanismen sind älter als jedes Regime.

Sie zeigen sich, lange bevor sie einen politischen Namen tragen: beim Zugriff auf Ressourcen, Privilegien, Beziehungen und Einfluss. Überall dort, wo das Eigene dadurch aufgewertet wird, dass für das Andere weniger übrig bleibt.

Nicht jeder Egoismus ist Faschismus. Nicht jeder Kampf um einen Kindergartenplatz, einen Spezialistentermin, einen Zuschuss oder das bessere Stück vom Kuchen ist seine Vorstufe.

Aber darin lässt sich etwas beobachten, das politische Systeme später instrumentalisieren können:

Ich zuerst. Wir zuerst. Die anderen danach.

Meist nicht aus Bosheit.

Oft aus Gewohnheit. Aus Angst. Aus Gedankenlosigkeit.

Die Demütigungsökonomie der Gegenwart perfektioniert einen verwandten Mechanismus. Werbung, Social Media und Selbstoptimierung leben von der Behauptung eines Mangels:

„Du bist nicht genug. Aber du könntest es werden, wenn du kaufst, likest, buchst, endlich einmal performst.“

Aufwertung braucht Vergleich.

Und Vergleich produziert fast zwangsläufig jemanden, der weniger hat, weniger kann, weniger gilt – oder wenigstens so erscheinen muss.

Auch Sprache dient längst als Grenzzaun.

„Boomer“. „Woke-Elite“. „Nazis“. „Schlafschafe“. „Bildungsferne“. „Mitläufer“. „Bessermenschen“. „Konservative“. „Gutmenschen“.

Nicht jeder dieser Begriffe ist an sich unzulässig. Manche können etwas tatsächlich beschreiben.

Aber sie werden zu Sortierwerkzeugen, sobald das Etikett den Menschen ersetzt.

Wer etikettiert, muss nicht mehr zuhören.

Und wer nicht mehr zuhören muss, braucht im anderen irgendwann auch kein Gegenüber mehr zu erkennen.

Vielleicht liegt gerade darin eine Gefahr unserer gegenwärtigen Empörungskultur:

Sie bekämpft Ausschluss nicht immer, ohne selbst auszuschließen.

Auch „Wehret den Anfängen“ kann sein Ziel verfehlen, wenn es von derselben selbstgewissen Überlegenheit getragen wird, die es im anderen zu bekämpfen glaubt.

Denn die Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen, schützt nicht automatisch vor Entmenschlichung.

Sie kann sogar zu ihrem Einfallstor werden.

Nicht Hass allein ist der Ursprung.

Davor liegen Hierarchie, Angst, Zugehörigkeitssehnsucht und das Bedürfnis, das Eigene durch Trennung vom Anderen zu sichern.

Faschismus beginnt als politisches System nicht dort.

Aber dort findet er sein Material.

Vielleicht ist das der bitterste Gedanke:

Er kommt nicht einfach über uns.

Er kann aus uns kommen.

Aus gewöhnlichen Menschen.
Aus Kränkungen.
Aus Ängsten.
Aus dem Wunsch dazuzugehören.
Aus der Sehnsucht, endlich auf der richtigen Seite zu stehen.

Und vielleicht beginnt die wirksamste Gegenwehr deshalb nicht erst beim anderen.

Sondern dort, wo es unangenehm wird:

bei uns selbst.

Die Möglichkeit des Faschismus kehrt nicht zurück.

Sie war nie weg.

Sie hat nur gelernt, nicht marschieren zu müssen, solange wir bereit sind, für sie zu denken.