Wer bin ich ohne Bühne?
Wer bin ich ohne Bühne
(oder: Die einzige Krankheit, die man beklatscht)
Ich habe den Verdacht, dass das Theater keine Kunstform ist, sondern ein Zustand.
Ein nervöser Zustand. Ein chronischer.
Man geht hinein als Mensch und kommt heraus als Möglichkeit.
Als Möglichkeit für andere.
Für Regisseure, für Intendanten, für das Publikum, das sich selbst beim Zuschauen für empfindsam hält.
Und irgendwann, viel zu spät, viel zu geschniegelt im Inneren, merkt man:
Man hat sich selbst ausgelagert.
Die Maßstäbe verschieben sich leise.
Nicht brutal, nein, das wäre zu ehrlich.
Nein, sie verschieben sich ganz höflich. Kulturell. Subventioniert.
Plötzlich ist ein gelungener Abend mehr wert als ein gelungener Tag.
Applaus mehr als Atem.
Eine Kritik mehr als ein Gespräch, das nicht protokolliert wird.
Und man macht mit.
Natürlich macht man mit.
Man ist ja nicht verrückt.
Oder doch.
Denn welcher halbwegs zurechnungsfähige Mensch richtet sein Lebensgefühl nach etwas aus, das per definitionem nur funktioniert, wenn es gesehen wird?
Ein Baum wächst auch, wenn keiner klatscht.
Ein Schauspieler offenbar nicht.
Ich hatte heute einen Gedanken.
Einen gefährlichen Gedanken.
Ich könnte mich, man halte sich fest,
an meinem Leben erfreuen.
Abseits.
Nicht als Rolle, nicht als Projekt, nicht als künstlerische Notwendigkeit.
Einfach so. Ohne Zeugen.
Der Gedanke kam leise, fast schamhaft, als hätte er Angst, entdeckt zu werden.
Zu Recht.
Denn das System duldet vieles:
Exzentrik, Wahnsinn, Alkohol, Selbstzerstörung mit Haltung (Man nennt es „Attitude“).
Aber eines duldet es nicht:
Unabhängigkeit.
Denn das System liebt seine Rebellen,
solange sie bleiben und darin verderben.
Und da liegt das eigentliche Verbrechen:
Man kehrt zurück.
Natürlich kehrt man zurück.
Wie ein Täter an den Tatort.
Nicht aus Reue.
Aus Notwendigkeit.
Weil dort etwas ist, das man anderswo nicht bekommt.
Ein Rausch, ein Blick, ein Moment, in dem die Welt innehält und sagt:
Jetzt bist du gemeint. Ja, du!
Und man glaubt es.
Immer wieder.
Aber vielleicht, und das ist neu, das ist unerhört neu:
Vielleicht kann man lernen, diesem Satz zu misstrauen.
Vielleicht ist man auch gemeint,
wenn niemand etwas sagt.
Vielleicht beginnt genau dort etwas, das das Theater nicht spielen kann:
ein Leben, das nicht aufgeführt wird.
Ich werde zurückkehren.
Natürlich werde ich zurückkehren.
Aber vielleicht nicht mehr als Patient.
Sondern als jemand, der weiß,
dass die Krankheit Applaus braucht,
um zu überleben.
Und der sich gelegentlich weigert,
sie zu füttern.