Kretschmars Schattenlogbuch – singen in fremden Systemen

Über das Singen in fremden Systemen

Ich probe gerade eine Barockoper.

Ja, richtig gelesen. Ich, Kretschmar, Inquisitor der Illusionen, Trinker der Wahrheit, der sich sonst mit den Schatten der Gesellschaft prügelt.

Jetzt also: Cembalo, Perücken, Affektenlehre.

Man hat mich engagiert, weil ich nicht nur Sänger bin. Sondern Schauspieler.
Man wollte offenbar beides: den Ton und den Menschen dahinter.

Das ist das Komische daran.
Und das Tragische zugleich.

Man will das „Echte“, das „Unberechenbare“.
Nur: Das Echte ist nicht immer im Takt.
Und schon gar nicht immer taktvoll.

Dann wird’s schnell „zu echt“.

Gut möglich, dass einer aus der Grube ruft:

„Heast, das war eine Viertel zu früh.“

Na und?

Vielleicht war die Wahrheit hier eben schneller als die Musik.

Und für a Viert’l kann’s dem Trunkenbold, den ich verkörper, ohnehin nie z’früh sein …

Ich hab g’merkt:

Unsere Welt lebt noch immer gern vom schönen, gefälligen Ton. Nicht unbedingt vom wahren.

Doch manchmal, ganz selten, bricht der Ton.

Und dann entsteht …

Musik.

Oder etwas darüber.

Sie sagen: Gib weniger Stimme.

Ich sag: Wie die Politiker und Demagogen heut? Red’t do ana leise und gepflegt?

Kriag’n de vielleicht so vü Stimmen, weu’s söba kane ham?

Oha.

Aber vielleicht liegt genau da etwas:

Wenn einer mit halber Stimme singt,
muss der andere mit ganzer Seele hören.

Und vielleicht ist das der Fehler im System:

Dass sich alle nach Präzision ausrichten –
und keiner nach Bedeutung.

Am Ende der Probe saß ich da.

Im Garderobenlicht.
Mit einem Gefühl zwischen Müdigkeit und Gnade.

Da wurde mir klar:

Ich bin net falsch hier.

Ich bin der Störton,
den das System braucht,
um wieder a bissl echter z’klingen.

Kretschmar sagt:

„Wer immer im Takt bleibt, wird nie wirklich frei tanzen lernen.“