Kretschmars Schattenlogbuch 00019
Vom Fremdsein – oder: Die Würde, nicht dazuzugehören
Der Begriff „fremd“ meint für uns gewöhnlich etwas, das nicht sein darf.
Eine Gesellschaft möchte Fremdheit heute nur schwer aushalten – nicht die äußere und schon gar nicht die eigene. Sie spricht von Integration und meint manchmal doch nur die möglichst geräuschlose Beseitigung des Fremden.
Nicht aus Bosheit. Im Gegenteil: oft im Namen des Guten.
Wir wollen als sozial, fortschrittlich, zivilisiert gelten – und übersehen dabei, dass Integration dort in Assimilation kippt, wo das Andere nur willkommen ist, solange es sich unserer Vorstellung vom Vertrauten annähert.
So entsteht eine gezähmte Fremdheit.
Ein paar Sprachfetzen werden gelernt, Kochrezepte ausgetauscht, kulturelle Eigenheiten „gefeiert“. Man begegnet einander – und beginnt gleichzeitig schon mit der Übersetzung ins Eigene.
Vielleicht weil wirkliche Fremdheit etwas Beunruhigendes besitzt:
Sie entzieht sich.
Sie muss nicht gegen uns sein.
Aber sie gehört uns nicht.
Und sie zwingt uns, für einen Moment den selbstverständlichen Mittelpunkt unserer eigenen Welt zu verlassen.
Denn auch unsere Rituale, unser Besitzstolz, unsere Normgewohnheiten können einem anderen mindestens ebenso befremdlich erscheinen wie uns die seinen.
Wer vollkommen beheimatet ist, verliert leicht den Blick dafür.
Das Fremdsein-Dürfen aber ist kein Makel.
Es ist ein Menschenrecht.
Mehr noch: Vielleicht ist es eine Voraussetzung für Autonomie.
Wer niemals fremd ist, verliert die Möglichkeit, etwas von außen zu betrachten. Und ohne diese Distanz gibt es keine Erkenntnis, keine Kreativität, kein Staunen.
Fremdsein muss nicht negativ sein.
Es kann die Freude des Neuen bedeuten.
Das Staunen über andere.
Über die Welt.
Über sich selbst.
Ich war nie ganz von hier.
Seit meiner Kindheit begleitet mich das Gefühl, auf einem falschen Planeten gelandet zu sein – als wäre ich nur zu Besuch in einer Welt, deren Regeln mir niemand erklärt hat.
Ich habe gelernt, sie zu imitieren.
Nicht immer, sie zu verstehen.
Bis heute dieses Kopfschütteln über manches, was man „Normalität“ nennt: den Stolz auf Besitz, das stolze Funktionieren, die Kunst des Sich-selbst-Zurechtbiegens, bis man hineinpasst.
Ich weigere mich, diesen Preis zu zahlen.
Ich nehme lieber in Kauf, ein König ohne Reich zu sein, als mein eigenes Empfinden zu verraten.
Denn das innere Fremdsein ist kein Defekt.
Es ist Erinnerung.
Erinnerung an eine andere Möglichkeit des Daseins. An ein Reich, das nicht von dieser Welt ist – und vielleicht gerade deshalb mitten in ihr verborgen liegt.
Ein König ohne Land.
Aber mit einem unveräußerlichen Blick.
Wer sich nicht vollkommen angleicht, bewahrt etwas von seiner Wahrnehmung.
Wer nicht um jeden Preis dazugehören muss, kann die Diskrepanz sehen. Den Riss. Das Eigenartige. Vielleicht sogar manchmal das Wahre.
Das eigentliche Drama unserer Zeit ist deshalb womöglich nicht die Entfremdung.
Sondern der Verlust der inneren Position des Fremdseins.
Wir werden auf Kompatibilität getrimmt wie Programme, die nur noch laufen, wenn sie die aktuelle Version des Zeitgeists installiert haben.
Doch was uns lebendig macht, liegt vielleicht gerade im Dazwischen.
Nicht im vollkommenen Heimischwerden.
Im Unbehaustbleiben.
Vielleicht ist Fremdsein eine der letzten Formen von Freiheit.
Nicht weil man dadurch endlich sich selbst besitzt.
Sondern weil man aufhört, vollständig irgendwohin gehören zu müssen.
Denn erst aus der Distanz erwächst Staunen.
Und mit ihm jene leise, wilde Freude darüber, dass es noch etwas gibt, das nicht in uns aufgegangen ist.
Etwas Fremdes.
Eigenartig.
Undefinierbar.
Neu.
—
Kretschmar sagt:
„I woar nie integrationsfähig. Nur wahrnehmungsfähig. Und des woar scho verdächtig genug.“