Standpunkte
„Da streiten sich die Leut herum, oft um den Wert des Glücks, der eine heißt den andern dumm, am End weiß keiner nix.“
(Ferdinand Raimund)
Nie waren Differenzen und Rechthaberei so groß wie heute im Zeitalter von Social Media. Getrieben von globalen Krisen, Unsicherheit und gesteigerter Nervosität, treten wir in eine neue Phase: die Phase der Enthemmung und des absoluten Egoismus.
Worum aber streiten wir uns? Zumeist um ideologische Fragen, Meinungen, intellektuelle Konstrukte, also Produkte unseres Geistes, unserer Konditionierungen, unserer Vorstellungen. Sie sind Konstruktionen. Manche gründen auf überprüfbaren Tatsachen, andere auf Erfahrung, Überzeugung, Ideologie oder bloßer Zugehörigkeit. Doch keine Meinung wird dadurch zum Naturgesetz.
Gibt es ein Naturgesetz für die Wahrheit einer Meinung? Nein. Meinungen existieren nicht außerhalb unserer Köpfe. Sie sind keine absolute Größe. Das gilt auch für kollektive Meinungen.
Darum stelle ich mir, wenn mich die Lust zur Rechthaberei packt, mich mit meiner eigenen Meinung in der Natur vor: allein in der Wüste, auf einem Berggipfel, auf hoher See, im grenzenlosen All. Welche unumstößliche Kraft hätte sie dort?
Keine.
Vielleicht liegt darin der Schlüssel: Nicht jeder Kampf um das letzte Wort verdient es, geführt zu werden.
Ich lege dir diese Übung ans Herz:
Stell dir deinen Standpunkt, für denn du alles geben würdest, mit dir, den Naturgewalten ausgesetzt vor.
Treibend auf offener See, unter dir das Ungewisse, die Schatten der Haie.
Auf einem Achttausender, beißende Kälte, dünne Luft.
Im dunklen Urwald, von Geräuschen umzingelt.
Warte.
Fühle.
Und wäge ab.