Kretschmars Schattenlogbuch 00012

Aus der Eremitage eines Verzweiflungskomödianten – Innere Aufrüstung gegen den Führeranspruch der freien Kunst.
Heute:
„Nur net lachen“ – Das Theater als intellektueller Schlachthof
Nur net lachen.
Das Theater – ein Ort, an dem das Lebendige seziert wird, bis es sich nimma rührt.
Es gibt Regisseure, die sehen nur mit dem Anteil jener Sehstäbchen im Auge, die dem Intellekt nachgehen.
Aber es ist ein sonderbarer Intellekt – kein fragender, kein forschender, sondern ein instrumentalisierter.
Einer, der in der Wissenschaft nichts zu melden hätte, weil dort Evidenz zählt und nicht subjektivierte Hypothesen mit Weltbedeutungston.
Und so wüten sie im Theater.
(„Und des is no a Glück …“)
Nicht weil sie spüren, sondern meinen zu verstehen – und, weil sie dürfen.
Mit dem Schild „Aufklärung“ voran,
im Talar der großen Namen der Literatur,
unter der Fackel der Kunstfreiheit.
Sie behaupten’s und setzen durch.
Sie sezieren, stilisieren, … sterilisieren.
Sie treten an gegen Humor,
gegen Sinnlichkeit,
gegen die Verrücktheit des Individuums, ihre Eigenartigkeit,
gegen alles, was wir am Schauspiel eigentlich lieben.
Was bleibt, ist eine Bühne der Beklommenheit.
Ein intellektueller Schlachthof.
Und die Spieler?
Brav unterworfen,
flachgepresst in Bedeutung, wie die vierblättrigen Kleeblätter im Almanach des Regietheaters.
Jede Regung verdächtig.
Jede Lust zuviel.
Die Schauspielerin, der Schauspieler: nicht unbedingt Mensch, sondern halt Träger der These.
Wo Hedonismus? Wo Genuss? Wo Freude am Ausdruck?
Kein Verweilen. Kein Spielen. Kein Leben.
Nur Haltung.
„Jo, die Haltung! Da Feind oller Menschlickeit. Am Theater hamma’s. Mancher Inszinator glaubt, er opariert an da Woahrheit – dabei amputiert a nur’n Humor.“