Filmriss!
Oder vom Verschwinden der Geschichten:
Früher hat man Geschichten zugesehen.
In Gesichter gesehen, während diese dort Gestalt annahmen.
Heute hört man dazu, was man fühlen soll.
Filmmusik war einmal ein Verbündeter.
Sie hat nur verstärkt, was bereits da war.
Heute ersetzt sie es. Vollkommen.
Sie kleistert drüber, wo nicht eine Spur davon ist.
Eine Behelfsbrücke mit Sichtschutz, um ja nicht in die Tiefe blicken zu müssen.
Man erkennt schlechte Filme inzwischen daran,
dass sie EINEM nicht trauen.
Sie geben einem keine Stille mehr.
Keine Leere.
Kein Risiko.
No risk. Just fun.
Stattdessen: Gefühl auf Bestellung.
Wie aus der Tube gedrückt.
Ich nenne das „Die Gefühlsreise des Protagonisten“.
Es ist dies eine Abfolge von Einstellungen ohne Text, die nichts erzählen,
aber insistieren:
„Fühl jetzt.“
„Jetzt nochmal.“
„Hier bitte Träne.“
Das Publikum folgt.
Nicht, weil es berührt ist,
sondern weil es sich erinnert,
wie Berührung so ungefähr aussehen müsste.
Wetterpanorama und Welpenblick.
Wenn die Story nicht hält dann jedenfalls der Videoclip.
Die Geschichte?
Nebensache.
Man könnte sie austauschen,
ohne dass sich etwas ändert.
Solange die Musik bleibt.
Dabei behauptet der Film ja unentwegt,
er strebe nach Natürlichkeit.
Das ist die noch größere Lüge.
Natürlichkeit ist unkontrollierbar.
Film heute ist Kontrolle.
Jeder Atemzug gemixt.
Jede Pause unterlegt.
Im Theater ist es nicht besser geworden.
Man hat auch dort das Vertrauen ins Wort verloren.
Und noch mehr ins Schweigen.
Früher hörte man im Dunkel das Holz arbeiten.
Echte Geräusche.
Zufällige Wahrheit.
Heute hingegen: Sounddesign.
Das Theater ist laut geworden,
weil es Angst hat,
dass niemand mehr zuhört.
Also beschallt es sich selbst.
Und die Schauspieler?
Sie reagieren darauf.
Entweder sie reduzieren sich
auf körperliches Keuchen und Zucken,
oder sie explodieren
in workshopgezüchteter Innerlichkeit.
Beides hat denselben Ursprung:
Grundlegendes Misstrauen ins einfache Spiel.
Vielleicht ist das der eigentliche Verlust.
Nicht die Musik.
Nicht die Technik.
Sondern der Glaube,
dass ein ungekünstelter Mensch auf einer Bühne
oder in einem Bild nicht
genug sein könnte.
Und dann gibt es diese seltenen Momente.
Ein Zimmer.
Ein Mensch.
Ein Schmerz, der nicht vorgeführt werden muss.
Nanni Moretti hat solche Momente in Das Zimmer meines Sohnes geschaffen.
Und plötzlich passiert etwas, das man fast vergessen hatte:Man fühlt,
ohne dass einem vorgeschrieben wird, was man fühlen soll.
Es ist berührend.
Schmerzhaft.
Fast unerträglich.
Und gerade deshalb wahr.