Die Masse und das Theater
Über die Kunst, einzigartig im Gleichschritt zu sein
Das Theater gilt als Ort der Singularität. Des individuellen Ausdrucks, der einzigartigen Stimme, der unverwechselbaren Erscheinung.
Und doch ruht es, wie jede ehrwürdige Institution, auf der Logik der Masse.
Elias Canetti hat in Masse und Macht jene eigentümliche Dynamik des Kollektiven beschrieben, in der das Ich im Wir aufzugehen beginnt. Im Theater, dieser leuchtenden Kathedrale der Subjektivität, lässt sich davon einiges beobachten.
DIE MASSE ALS PUBLIKUM
Es beginnt im Zuschauerraum.
Da sitzen die Einzelnen und formen für ein paar Stunden etwas Gemeinsames. Die Eintrittskarte ist der Passierschein in eine vorübergehende Auflösung individueller Grenzen.
Man lacht.
Man schweigt.
Man hustet.
Man weint.
Man klatscht.
Manches aus eigenem Impuls. Manches, weil der Saal längst entschieden hat, was jetzt geschieht.
Sogar der Toilettengang in der Pause gerät zur Prozession. Die Labung am Buffet erfolgt im Kollektiv.
Die Masse urteilt, oder glaubt zu urteilen.
Die schöne Selbsttäuschung lautet: Ich war betroffen.
Vielleicht war aber auch man betroffen.
Gemeinsam. Gleichzeitig. Ritualisiert.
DIE MASSE ALS ENSEMBLE
Auch auf der Bühne herrscht die Masse, nur im Gewand der Vielfalt.
Wer spielt, tritt in ein Gefüge ein. Der Probenprozess bedeutet immer auch Anpassung: an Raum, Rhythmus, Partner, Regie, Ästhetik, an eine gemeinsame Handschrift.
Das ist notwendig.
Und manchmal wird aus dem Gemeinsamen unmerklich das Gleichartige.
Die persönliche Note, nach der man bei der Besetzung noch gesucht hat, beginnt zu stören, sobald sie sich der Form widersetzt.
Selbst die Verbeugung am Ende kennt ihre Ordnung: Wer wann wie weit vortritt, ist nicht bloß Tradition. Es ist Hierarchie, Sichtbarkeit, Wert.
Und wehe dem, der aus der Reihe tanzt.
Nicht als Figur.
Als Mensch.
DIE MASSE HINTER DER BÜHNE
Hinter der Bühne wird das Prinzip noch deutlicher.
Inspizienz, Technik, Maske, Ausstattung, Verwaltung: alles arbeitet darauf hin, dass der Abend funktioniert.
Das muss es auch.
Das Theater ist eine Maschine, deren Zahnräder aus Menschen bestehen.
Man kennt diese flackernden Bilder Charlie Chaplins, der in Modern Times von der Maschinerie verschluckt wird. Ein besseres Bild lässt sich kaum finden.
Denn eine Maschine liebt Verlässlichkeit.
Austauschbarkeit wird deshalb leicht zur Tugend.
Wer ersetzt werden kann, wird bei Bedarf ersetzt.
Wer nicht ersetzt werden kann, wird zum Risiko.
Der Einzelne als Schwachstelle. Als mitgeführtes Gefahrengut.
Vor ihm ist jede Institution ein wenig auf der Hut.
THEATER ALS RITUAL DER ANGLEICHUNG
Darin liegt die wunderbare Doppelbödigkeit des Theaters:
Es feiert das Einzigartige … und braucht das Geordnete.
Es rühmt das Subjekt … und droht es aufzufressen.
Es gibt sich progressiv … und lebt von Hierarchien, die teilweise älter sind als seine neuesten ästhetischen Revolutionen.
Es fordert das Wagnis und braucht den Spielplan.
Es verlangt nach Persönlichkeit und nennt sie schwierig, sobald sie Schwierigkeiten macht.
Selbst der Applaus, dieses scheinbar freie Geschenk des Publikums, kennt Rituale und Dramaturgien.
Und so bleibt die Frage:
Wie viel Individualität verträgt eine Kunstform, die nur entstehen kann, wenn sehr viele Menschen gleichzeitig dasselbe wollen?
WAS BLEIBT?
Vielleicht ist das Theater deshalb gar kein Ort der Befreiung.
Vielleicht ist es etwas viel Interessanteres:
ein abgründiger, magischer Spiegel.
Ein Ort, an dem wir beobachten können, wie sehr wir dazugehören wollen und wie verzweifelt wir gleichzeitig darauf bestehen, einzigartig zu sein.
Wie sehr wir Ordnung brauchen und uns nach jenem Augenblick sehnen, der sie durchbricht.
Denn wäre da nicht manchmal dieses Zittern …
dieses kaum wahrnehmbare Beben im Zuschauerraum,
das Leuchten in den Augen der Schauenden und der Spielenden,
jene eigentümliche Stille, in der plötzlich niemand mehr zu wissen scheint, was als Nächstes geschehen wird –
warum sollten wir immer wieder zurückkehren?
Vielleicht geschieht genau dort Theater.
Nicht im vollkommenen Funktionieren der Maschine.
Sondern in jenem kurzen Augenblick, in dem sie etwas hervorbringt, das sie selbst nicht herstellen kann.
Etwas Lebendiges.
Und vielleicht sind wir deshalb immer beides:
Masse und Einzelne.
Ankläger und Freisprecher.
Mitläufer und Störton.
Das Theater kann uns diese Widersprüche nicht abnehmen.
Aber manchmal zwingt es uns, hineinzusehen.
In diesen abgründigen Spiegel.
Grausam und entzückend.
Und vielleicht wäre schon etwas gewonnen, wenn wir nicht jedes Mal sofort ein Urteil darüber fällten, was wir darin erkennen.
—
Kretschmar sagt:
„Masse is, wann olle gleichzeitig individuö sei wollen und dabei genau gleich ausschau’n.
Im Theater nennt ma des dann: a künstlerische Handschrift.“