Kretschmar 1848 – Meine lieben Zeitgenossen!
Meine lieben Zeitgenossen!
Ihr habts d‘ Perucken abgelegt und die Frisuren g’wechselt. Ihr habts die Stände abgeschafft und neue erfunden. Ihr habts die Höfe verlassen und seids in Büros, Plattformen und Netzwerke ‚zogen.
Aber eines is ‚blieben: Jeder hält sich für die wundersame Ausnahme.
Früher habts Pamphlete verlesen, heut nennt man’s Narrative. Früher hats den Ablasshandel ‚geben, heut gibt’s die moralische Selbstvergewisserung. Die Währung hat gewechselt, der Handel is geblieben.
Ihr erklärt dem Mitmenschen, was er für die Welt tun soll, und baut euch dabei euren ganz eigenen Erlösungsglauben zusammen. Früher habt ihr die Taler aus allem und jedem herausgepresst. Heut geschieht’s ganz nonchalant, mit den besten Absichten und natürlich: völlig gleichberechtigt.
Die Semmeln waren nach der großen Krise einst so klein, dass sie durch ein Schlüsselloch gepasst hätten. Heute hingegen passen manche Wahrheiten auf einen Mikrochip.
Die schöne neue Welt hat wunderbare Wörter erfunden. Nur manchmal fragt man sich: Sind die Wörter noch dazu da, die Wirklichkeit zu beschreiben … oder die Wirklichkeit davor zu bewahren, a bissl unangenehm zu werden?
nd wissts was? Ich mach’s euch jetzt gleich!
Ich richt mir meinen eigenen kleinen Glauben ein, meine eigene Gewissheit, meine eigene Wahrheit.
Dann brauch i wenigstens nimmer nachdenken.
Kretschmar, 18.48 Uhr.“