Kretschmar 1848 – Was soll da mir eigen sein?
Es könnt vorkommen, dass mich a Individuum beleidigen will und sagt: „Du hast ka ja eigene Meinung.“
„Recht so“, sag ich.
„Ja aber du musst dir doch deine Gedanken machen…?“
Das tu ich, aber obs ‚meine‘ sind, oder mich nur so anfliegen tun wie a Schnupfen an anfliegt? Ihr sagts doch imma, die Gedanken sind frei, also sind’s es jetzt oder g’hörns wem?
So wie alles vom Tandlmarkt der Natur ausglieh’n is, was ich besitz, so auch meine Anschauungen.
Sie sind durchs Nudelsieb der gsellschaftlichen Formen mit der Erziehung in mein kleinen Kindskopf rein’passiert word’n.
Von meinen Erzeugern und Erzeugerinnen überliefert, und vom Leben in mein noch blütenweißes Gemüt, einmal sanft, einmal unsanft, hineineing’watscht wordn, sodass ich heut noch Müh‘ hab, sie aus mein‘ Haus rauszuschmeiss’n, egal ob’s gut oder schlecht sind.
Sind wir net alle wie Einsiedlerkrebse, die uns ein fremdes Haus suchen, ganz konträr zur Schneckin, die scho als Hausbesitzerin auf’d Welt kommt?
Und ja, sogar von der Untergatte bis zu Hemd und Hos’n hab ich Anleihe bei einem Baumwollstrauch g’nommen. Der Rock ist von am Schaf aus’borgt und sogar die Schuh mit denen ich geh, sind aus Schweinsleder, das noch gegerbt habn, aufdass es sich nur ja net sträubt. Ich geh also auf fremde Sohlen über fremde Erd‘ …
Was soll da MIR EIGEN sein?
Kretschmar, 1848 Uhr