Kretschmars Schattenlogbuch 00014
Von der doppelläufigen Doppelmoral
Und … Klappe!
Ich sitze in der Maske. Neben mir eine Kollegin, Hauptrolle in einer Krimiserie, jeden Dienstag Regional-TV.
Sie spielt eine Ermittlerin mit leichtem persönlichem Chaos und starkem Gerechtigkeitssinn.
In der Serie trägt sie die Waffe wie einen Anstecker der Tugend. Wie das gute Gewissen. Immer griffbereit. Immer legitimiert.
Fünf Minuten später postet sie auf Facebook:
„Wir brauchen strengere Waffengesetze – jetzt!“
Ich sage nichts. Ich bin müde.
Die John Coffey-Müdigkeit, die mich überfällt in dieser Gesinnungswelt.
Denn was soll ich sagen?
Dass sie recht hat? Hat sie.
Dass sie scheinheilig ist? Ist sie nicht.
Dass die Wahrheit irgendwo zwischen dem Abzug und der Autotür von Szene 7/14 liegt? Vielleicht.
Polizisten, Agenten, Geheimdienstler, was weiß ich, laufen tagein tagaus mit vorgestreckter Waffe durch unsere Wohnzimmer-
wie Wünschelrutengänger auf der Suche nach unserer gewalttätigen Ader.
Und sie finden sie. Punktgenau.
Und keiner fragt: Warum eigentlich immer bewaffnet?
Die Waffe ist längst da. Nicht nur im Spind des Amokläufers.
Sondern in unseren Serien, in unseren Netflix-Algorithmen, in unseren Heldenfantasien.
Wir füttern sie. Mit Quote. Mit Applaus. Mit Stillhalten. Mit Konsum.
Der Täter mit der echten Waffe war vielleicht psychisch krank. Offensichtlich.
Die Serienheldin mit der falschen Waffe ist es nicht.
Und trotzdem formt sie – und das im wahrsten Sinn gewaltig – unsere Vorstellung davon, was in Ordnung ist.
Die Grenze verläuft nicht zwischen legal und illegal.
Sie verläuft zwischen Fiktion und Verantwortung dafür.
Ich bin kein Waffenfreund. Aber auch kein Freund von Symbolpolitik.
Von moralischer Schnellschussrhetorik und Dauerentlastung durch Haltungspostings.
Die Rufe nach Gesetzesverschärfung sind verständlich – aber oft nur das Echo der eigenen Ohnmacht.
Und sie ignorieren dabei die größte Waffenschmiede unserer Zeit: das Narrativ.
Der Glaube, dass Gewalt – solange sie in Zeitlupe und mit Pathos gezeigt wird – irgendwie „richtig“ ist.
Heroisch. Einem „Guten“ zugetan. Eben Kino-kompatibel.
Man müsste den Tatort abdrehen. Nicht die Serie. Die Bühne dafür.
Den kollektiven, inneren Ort des Geschehens.
Man müsste sich trauen, auch die eigenen Bilder zu entwaffnen.
Geht das?
Man müsste …
Ach, was soll’s.
Ich trinke meinen Kaffee.
Kalt g’worden.
So wie wir.
„Cut!“
Kretschmar ruft aus dem Off:
„Hey, was habts ma in mein Kaffee eineg’eben?
I hab glaubt, der macht schön, net traurig …“