Kretschmars Schattenlogbuch – An mich

An mich, einen Schüler der Kunst

Nach so vielen Jahren komme ich zu einem einfachen Gedanken:

Mir ist es zunehmend gleichgültig, ob jeder Ton perfekt gesungen, jede Emotion perfekt gespielt ist.

Es geht nicht um Perfektion.

Es geht darum, ob etwas Lebendiges aufblitzt.

Natürlich braucht es Technik. Vielleicht sogar eine sehr gute. Aber sie sollte so weit entwickelt sein, dass sie irgendwann verschwindet. Kein Manierismus, kein Störgeräusch der Stimme, des Körpers, der Gebärde soll sich zwischen den Menschen und diesen einen Augenblick stellen.

Technik als Voraussetzung.

Nicht als Ziel.

Wie bei einem gut geschliffenen Fenster: Man soll nicht das Glas bewundern, sondern sehen können, was dahinter geschieht.

Vielleicht liegt darin mein zunehmendes Unbehagen an vielem, was wir Kunstbetrieb nennen.

Alles kann richtig sein.
Gut gearbeitet.
Geschmackvoll.
Zeitgemäß.
Sogar unkonventionell.

Und trotzdem geschieht – nichts.

Denn auch das Unkonventionelle wird zur Konvention, sobald man weiß, wie es auszusehen hat. Rebellion wird reproduzierbar. Persönlichkeit kompatibel. Das Wagnis bekommt einen Spielplan.

Aber Lebendigkeit ist kein Effekt.

Sie ist ein Ereignis.

Sie geschieht oder sie geschieht nicht. Man kann ihr den Boden bereiten, aber man kann sie nicht herstellen.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich nach all den Jahren noch immer als Schüler begreifen möchte.

Nicht aus Demut.

Aus Wachsamkeit.

Denn der Augenblick, in dem man glaubt zu wissen, wie es geht, ist womöglich derselbe, in dem man beginnt, das Leben durch seine Vorstellung davon zu ersetzen.

Vielleicht ist das mein einziges Gelübde:

Wach bleiben.

Anfänger bleiben, obwohl man es besser wissen müsste.

Nicht Konvention mit Leben verwechseln.

Und offen bleiben für jenen Augenblick, in dem etwas aufblitzt, das sich nicht herstellen lässt.