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Hintergrundinformationen über Alexander Strömer

AUF DU UND DU MIT DEM UNNAHBAREN

Im Gespräch mit dem Schauspieler Alexander Strömer

Warum ist es in den letzter Zeit ruhiger um Sie geworden? Wieso sieht man Sie auf den heimischen Bühnen so selten? Obwohl, ein Unbekannter in der Theaterszene ist Alexander Strömer keineswegs. “Ich habe lange Jahre im festen Engagement verbracht, ich will mich im Moment mehr auf Film und Fernsehen konzentrieren”, antwortet der Schauspieler mit einem Lächeln auf dem Gesicht“; er hat Humor und Selbstbewusstsein und das, was vielen seiner Berufskollegen vielleicht zuweilen fehlt – Selbstironie.  „Es war ein teils selbstgewählter Rückzug, teilweise gab es einfach nicht die Art von Angeboten“, die sich Strömer wünsche, so die offene Antwort. “Wir leben in einer von Modeströmungen dominierten Zeit, das betrifft auch Schauspieler, mein Vorteil ist, dass noch viele Möglichkeiten vor mir liegen und ich glücklicherweise nicht durch eine Schublade festgelegt bin und ein breites darstellerisches Spektrum habe …”

„Es hat mich vieles zum Nachdenken veranlasst, was wirklich wichtig im Leben ist, darunter waren Ereignisse, die einen stark mitnehmen, aber jeden anderen auch jederzeit treffen könnten“, so der Schauspieler mit dem einprägsamen Gesicht. „Es ist bekannt, dass Schauspieler, die im Leben Erfahrung gesammelt haben, diese Reife in ihr Berufsleben mitnehmen und an Charisma gewinnen.“

Schon als kleiner Bub äußert Alexander den Wunsch „Komiker“ werden zu wollen. Damals war es noch mehr Jerry Lewis, der ihn inspirierte. Weitere Berufspläne waren Archäologe, – speziell Dinosaurier, sowie archäologische Funde die Zivilisation betreffend, fanden Strömers Interesse, Heiler oder Kindergärtner. Na, irgendwie hat ja alles geklappt: Strömer wurde Menschendarsteller – man kann „Seelenarchäologe“ dazu sagen, zu heilen gibt es in seiner Branche auch immer etwas, und ein bisschen vom Kindergarten ist ihm in seinem Metier auch erhalten geblieben.

„Mit einer U-Bahnfahrt lernt man meistens mehr, als in drei Stunden im Theater“

Er beschäftigt sich schon früh mit jeder Menge Unsichtbarem und Nicht-Greifbarem: Philosophie, mentale Kräfte, Psychologie, und er liebt das Beobachten. Diesem Talent verdankt er auch primär, wie er meint, seine Vielseitigkeit und Wandelbarkeit als Schauspieler. Seine Eltern hätten den Beruf für ihr Leben gerne selbst ergriffen; der Vater stirbt unerwartet früh, und Strömers Mutter unterstützt ihn trotz vieler Entbehrungen, seinen Berufswunsch zu erfüllen.„Ich musste keineswegs gegen mein Umfeld und die Familie ankämpfen, um Schauspieler zu werden …” Manch einem, der die übliche Geschichte vom Gegen-das-Umfeld-ankämpfenden, schauspiel-affinem Jugendlichen hört, könnte dies geradezu langweilig anmuten … In Strömers Schauspieler-Leben sollten die Stolpersteine und Prüfungen erst viel später zur Herausforderung werden. Claus Peymann fragt ihn bei seinem Vorsprechen abschließend: „Kommen Sie aus einer Schauspielerfamilie?“ Strömer ist geschockt, er denkt einen schlechten Eindruck hinterlassen zu haben. Ganz im Gegenteil. Er ist engagiert.

Die Schullaufbahn einschließlich Matura und ein anfängliches Psychologie-und Philosophiestudium, das er aber abbricht, absolviert Strömer in Wien bevor er seine Schauspielerlaufbahn am Wiener Burgtheater beginnt, noch während der Ausbildung an einer Wiener Schauspielschule. Es gibt nach einer alten Schauspieler-Mär im Leben eines Schauspielers bekanntlich 2 Fehler: Der erste ist, ans Burgtheater zu gehen; der zweite, vom Burgtheater wegzugehen. Strömers Erachtens nach, zu erweitern um einen dritten – wieder ans Burgtheater zurückzukehren. Strömer hat bereits alle drei begangen. Will man ehrlich sein, auch den vierten, denn er hat das Burgtheater 1998 schließlich zum zweiten Mal verlassen. Na, warten wir auf Fehler Nr.5 …

„Ich bin nicht Schauspieler geworden, um Geschichten zu erzählen …“

Auch darin unterscheidet sich Strömer von den meisten seiner Berufskollegen. „… dann wäre ich eher Autor oder Schriftsteller oder Erzähler geworden”. Nun, auch das Schreiben liegt ihm, vielmehr ist es aber eben das Betreten selbiger: der Geschichte, oder auch der „Historie“ – im eigentlichen Wortsinn der Erkundung und Erforschung, um des Verständnisses, des „Nachfühlens“ willen; genau in diesem Moment in einer anderen Zeit zu sein, auch vielleicht in der Illusion jemand anderer zu sein, also auch die Ver-Wandlung. Jene Veränderung, die auch Kalif Storch im gleichnamigen Märchen erfährt; das „Mutabor“, ich werde verwandelt werden, im Sinne der tiefgreifenden Transformation, einer Metamorphose. Was aber dominanter von beiden ist, da will sich Strömer nicht festlegen, „… eher die Zeitreise.“

Auch in seinen zahlreichen Lesungen im Hörfunk ist er diesen Grundsätzen treu geblieben. Es ist nicht eine sonst übliche Radio-Stimme, die da bemüht schön und deutlich vorliest, sondern die verwandelte Person, der Charakter der Figur, der durch den Darsteller spricht. Ein Junge, der Greis, ein gewiefter Detektiv, oder vielleicht der einsame Reiter in der mongolischen Steppe … Strömer verleiht seinen Lesungen die Plastizität eines Stückes im Hör-Format mit allen Facetten, einem Monodrama gleich. Damit hat sich der Charakterschauspieler auch schon eine Fan-Gemeinde unter den Hörern erobert. „Eigentlich ging es mir nie um das Geschichtenerzählen, sondern immer darum, meine Talente auszuüben und mich durch sie auszudrücken“ . Strömers Impetus ist, so sagt er, völlig eigennützig dem Vergnügen an jener Form der Darstellung nachzugehen, die möglichst authentisch und intensiv ist, aber dabei auch möglichst einfach bleibt. Und doch gibt es da in weiterer Folge eine Verantwortung. Die Verantwortung gegenüber dem Autor eines Werkes, sprich den Inhalt zu transportieren, der dem Stück inhärent ist. Und die Verantwortung gegenüber dem Publikum, es zum einen gegebenenfalls zu unterhalten und nicht zu langweilen, aber es auf der anderen Seite auch aus der Verantwortung nicht zu entlassen, denn: „… das Theater ist eben doch eine Bildungseinrichtung“. So folgt er einem inneren Ruf, den er seit den Anfängen seiner Schauspielausbildung verfolgt. Für ihn ist der Beruf Berufung und kein Job.

„Acting is a phoney profession for an upgrown man, if there isn’t a spiritual manifestation behind it“

Damit beruft sich Strömer auf ein Zitat Oskar Werners und meint damit eine verpflichtende Ernsthaftigkeit und Verbundenheit mit etwas Höherem, die er bis heute beibehalten hat, ohne sich dabei als Schauspieler, als Mensch je zu ernst zu nehmen. „Das sind zwei verschiedene Dinge… Selbstvoreingenommenheit in jeder Richtung schadet der Darstellung, ist aber zugegebenermaßen heutzutage eine Geschäftsidee“. Der Verfechter seines Berufsstandes meint: „Auf diesen Beruf sollte es eine Art hypokratischen Eid geben … es drängen viele, vor allem junge Menschen in den Beruf, die eine Art Glücksritter-oder Goldgräbermentalität besitzen und wegen des Nimbus von Erfolg, Karriere und Berühmtheit diese Wahl getroffen haben, die meisten davon halbherzig. Unsere Zeit ist so geartet, dass genau dies, sogar nicht selten, Früchte trägt …“

“Und solang du das nicht hast, dieses Stirb und Werde, bist du nur ein trüber Gast auf dieser dunklen Erde.”
(J.W. v. Goethe)

„Als nächsten Schritt sehe ich die Möglichkeit mich als Mensch, als Seelenwesen, zu entwickeln durch meine Verwandlungen im Beruf. Also die Entwicklung der Persönlichkeit. Mehr zu erfahren über die elementarsten, mysteriösen Begriffe des menschlichen Lebens: Das Leben selbst, die Liebe, den Tod … eben Menschen darzustellen, und dem Publikum dazu zu verhelfen, üblicherweise Verdecktes zu ent-decken oder schlichtweg einfach Freude zu bereiten. Und als Conclusio, als alles einschließendes Größeres, die der Transzendenz: das Heraustreten aus meiner mir gewohnten Sichtweise, aus dem Eingefassten, um letztendlich verändert und durch Neues bereichert, wieder etwas vollkommener, das heisst zufriedener, dahin zurückzukehren“, so Strömer. „Der gute Schauspieler muss sich meines Erachtens in seinen Figuren folgenden Dingen verschreiben und ständig stellen: Dem Staunen, dem Scheitern, also dem Un- oder Nicht-Geschick, dem Misslingen, und endlich: ….der Wahrhaftigkeit, also Glaubwürdigkeit.“

Fragt man Ihn nach seinen beruflichen Erwartungen und Wünschen wird Strömer nachdenklich: „Der Schauspielerberuf ist in heutigen Tagen viel zu viel mit bloßer Unterhaltung assoziiert. Damit rede ich nicht gegen Unterhaltung! Nein, Unterhaltung ist gut, gerade wenn sie einen gewissen Anspruch hat”, so der Schauspieler, der auch in charakterkomischen Rollen Qualität beweist. “Ich wünsche mir aber, dass wir die Fähigkeit wieder erlangen mehr Substanz in unser Leben treten zulassen und nicht alles, was uns ein bisschen fordert, auch geistig, gleich von uns zu weisen. Das wäre die Aufgaben des Films und Theaters, der Kultur und Kunsteinrichtungen. Quote ist gut, aber heutzutage ist sie eine alles verschlingende Plage und wir stehen viel zu stark unter ihrem Diktat.” “Der engste Verbündete der Quote”, fügt er hinzu, “ist die Schublade, in die Schauspieler oft gesteckt werden. Schade, dass es da oft an Phantasie fehlt.”

„Karrieremäßig gab es“, verrät er, „schon viel Interesse, Lob und Anerkennung von Intendanten und Regisseuren. Sie haben durchwegs meine Qualitäten erkannt und gewürdigt, es ergaben sich aber bis jetzt noch nicht die richtigen Kostellationen, um die ganz große Besetzung mit mir verwirklichen zu können. “Ich glaube an das Publikum”, so Strömer. “Unterhaltung kann sehr niveauvoll und raffiniert sein, denn es bedeutet nicht nur, weil etwa einige gängige Auf-Nummer-Sicher-Formate funktionieren, dass etwas mit mehr Noblesse nicht mehr Akzeptanz beim Publikum finden sollte.” Ein anspruchsvoller, eigenwilliger TV-Kommissar beispielsweise, vielleicht etwas eigenartig oder “verpeilt”, würde ihn schon reizen … “Ich habe den Mut und die Lust den ausgetretenen Pfad des Mainstream zu verlassen …”, sagt er und bringt sich damit ins Gespräch für höhere Aufgaben …

Ein Regisseur, mit dem Strömer arbeitete, gab ihm den Beinamen “Der Unnahbare”. Und tatsächlich: Strömers spezielle Ausstrahlung scheint eine genau ausbalancierte Mischung aus Nähe und Unnahbarkeit zu sein. Formel unbekannt. “Ich glaube, er wollte einfach die Art Energie, die ich ausstrahle, in Worte fassen.“, antwortet der Mann mit dem Wiedererkennungswert.

Was fasziniert an den besten Schauspielern? – Eben. Das gewisse Etwas ihrer Ausstrahlung. – Also, ich denke, es sollte mal jemand mit dem „Unnahbaren“ was Großes riskieren, ich wär‘ darauf gespannt …
(S. Potokoff)