Aufzeichnungen aus Theater und Gesellschaft, Sprache und Zeitgeist – und aus den Zwischenräumen.
Sowie
Kretschmar 1848 – Gedanken, Miniaturen und andere Ungehörigkeiten.
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Monolog eines Wiener Mahlzeit-Transporteurs
Mein Gott, wie tät ichs mir gern richten! Dabei rufts Volk jetzt immer lauter die Politik solls ihnen richten! Die Wirtschaft, das Klima, die Preise … Kein Sorg‘, die Politik weiß immer wie sie‘s richtet, aber für sich. Ich kann mi no gut an die Zeit erinnern wo’s Volk die Politiker und Mächtigen g’richtet hat: […]
Kretschmar 1848 – Eine unmögliche Eh‘
Eine unmögliche Eh‘. Die Zeit is so flüchtig wor’n! Ein gar flatterhaftes Wesen, dass‘ nie und nimma beim Geist, ihrem Gemahl, bleiben kann. Und da Geist wiederum is so selbstgenügsam und stur, dass er’s mit der Zeit aa net aushalt‘! Er müsst‘ andauernd mit ihr geh’n, würd‘ überall mitg’schleppt, wo er doch lieber ganz für […]
Kretschmar 1848 – Bei uns war’s scho immer so
„Bei uns war’s scho immer so.“ Eine Verbeugung vor der Nation der Unabänderlickeit In Indien, da gibt’s des Kastenwesen. A großes Ding. So groß denk ma bei uns gar ned. Bei uns brauch ma kan Kasten. Wir wolln ja ned amoi aufsteh’n. Wir greifen einfach ins Fachl. In de guade, alte Schublad‘. Dort, wo Du […]
Kretschmar 1848 – Vom Wechsel
Da sinniert einer über’d Schulden … I tät gern in der Lotterie g’winnen. Net wegen der Villa. Net wegen dem Auto. I brauch a ka Yacht. I werd ja scho seekrank, wenn i z’lang in da Bad’wann‘ lieg. Na. I tät z’erst meine Schulden begleichen. Und dann tät i dem Schicksal anschreiben lassen. Denen, die […]
Kretschmar 1848 – Was soll da mir eigen sein?
Es könnt vorkommen, dass mich a Individuum beleidigen will und sagt: „Du hast ka ja eigene Meinung.“ „Recht so“, sag ich. „Ja aber du musst dir doch deine Gedanken machen…?“ Das tu ich, aber obs ‚meine‘ sind, oder mich nur so anfliegen tun wie a Schnupfen an anfliegt? Ihr sagts doch imma, die Gedanken sind […]
Kretschmar 1848 – Meine lieben Zeitgenossen!
Meine lieben Zeitgenossen! Ihr habts d‘ Perucken abgelegt und die Frisuren g’wechselt. Ihr habts die Stände abgeschafft und neue erfunden. Ihr habts die Höfe verlassen und seids in Büros, Plattformen und Netzwerke ‚zogen. Aber eines is ‚blieben: Jeder hält sich für die wundersame Ausnahme. Früher habts Pamphlete verlesen, heut nennt man’s Narrative. Früher hats den […]
Filmriss!
Oder vom Verschwinden der Geschichten: Früher hat man Geschichten zugesehen. In Gesichter gesehen, während diese dort Gestalt annahmen. Heute hört man dazu, was man fühlen soll. Filmmusik war einmal ein Verbündeter. Sie hat nur verstärkt, was bereits da war. Heute ersetzt sie es. Vollkommen. Sie kleistert drüber, wo nicht eine Spur davon ist. Eine Behelfsbrücke […]
Die Masse und das Theater
Über die Kunst, einzigartig im Gleichschritt zu sein Das Theater gilt als Ort der Singularität. Des individuellen Ausdrucks, der einzigartigen Stimme, der unverwechselbaren Erscheinung. Und doch ruht es, wie jede ehrwürdige Institution, auf der Logik der Masse. Elias Canetti hat in Masse und Macht jene eigentümliche Dynamik des Kollektiven beschrieben, in der das Ich im […]
Wer bin ich ohne Bühne?
Wer bin ich ohne Bühne (oder: Die einzige Krankheit, die man beklatscht) Ich habe den Verdacht, dass das Theater keine Kunstform ist, sondern ein Zustand. Ein nervöser Zustand. Ein chronischer. Man geht hinein als Mensch und kommt heraus als Möglichkeit. Als Möglichkeit für andere. Für Regisseure, für Intendanten, für das Publikum, das sich selbst beim […]
Kretschmars Schattenlogbuch – An mich
An mich, einen Schüler der Kunst Nach so vielen Jahren komme ich zu einem einfachen Gedanken: Mir ist es zunehmend gleichgültig, ob jeder Ton perfekt gesungen, jede Emotion perfekt gespielt ist. Es geht nicht um Perfektion. Es geht darum, ob etwas Lebendiges aufblitzt. Natürlich braucht es Technik. Vielleicht sogar eine sehr gute. Aber sie sollte […]
Kretschmars Schattenlogbuch – singen in fremden Systemen
Über das Singen in fremden Systemen Ich probe gerade eine Barockoper. Ja, richtig gelesen. Ich, Kretschmar, Inquisitor der Illusionen, Trinker der Wahrheit, der sich sonst mit den Schatten der Gesellschaft prügelt. Jetzt also: Cembalo, Perücken, Affektenlehre. Man hat mich engagiert, weil ich nicht nur Sänger bin. Sondern Schauspieler.Man wollte offenbar beides: den Ton und den […]
Kretschmars Schattenlogbuch – Ein Narr sein
In einer institutionell regulierten Welt. „Ein Narr sein … heißt heut: verlieren können, ohne Applaus.Heißt, mitten im Lärm noch spüren, was echt ist. Früher hat man über uns gelacht … heut wird man weg-gelacht. Alles so glatt, so ordentlich, so … vernünftig. Sogar für die ‚neue Individualität‘ gibt es Vorschriften. Aber Ordnung heilt nix. Ich […]
Kretschmars Schattenlogbuch 00019
Vom Fremdsein – oder: Die Würde, nicht dazuzugehören Der Begriff „fremd“ meint für uns gewöhnlich etwas, das nicht sein darf. Eine Gesellschaft möchte Fremdheit heute nur schwer aushalten – nicht die äußere und schon gar nicht die eigene. Sie spricht von Integration und meint manchmal doch nur die möglichst geräuschlose Beseitigung des Fremden. Nicht aus […]
Kretschmars Schattenlogbuch 00018
Aus dem Schattenlogbuch der Stillen Brandherde Der Faschismus mit Zimmeretemperatur Wenn vom Faschismus gesprochen wird, sehen viele noch immer Stiefel, Fackeln, Parolen, Fahnenmeere. Das Monster ist historisch gut verortet: NS-Zeit, rechte Randgruppen, Diktatur, Rassenwahn. So bleibt es ein anderes Wesen, ein abgeschlossenes Kapitel, ein Alptraum der Vergangenheit. Bequem. Denn was man als Ausnahme betrachtet, muss […]
Standpunkte
„Da streiten sich die Leut herum, oft um den Wert des Glücks, der eine heißt den andern dumm, am End weiß keiner nix.“ (Ferdinand Raimund) Nie waren Differenzen und Rechthaberei so groß wie heute im Zeitalter von Social Media. Getrieben von globalen Krisen, Unsicherheit und gesteigerter Nervosität, treten wir in eine neue Phase: die Phase […]
Kretschmars Hutprotokoll
Von der Kunst, die Sonne zu erziehen Manchmal fragen sie mich, warum ich im Sommer einen Winterhut trage. Ganz einfach: Weil die Sonne keine Manieren hat. Die Menschen übrigens auch nicht. Sie glauben, wenn sie mir ständig auf den Hut klopfen, haben sie mich schon. Aber was sie nicht wissen: Der Hut trägt nicht mich […]
Kretschmars Schattenlogbuch 00015
Aus dem inneren Exil des Unzeitgemäßen Zähne zeigen – Die Emanzipation und ihr Kampfhund EM der Frauen. Fußball. Oder sollte ich sagen: Kampfkunst mit Pferdeschwanz. Sie springen, sie beißen sich rein, sie schwitzen mit Überzeugung. Sie wollen. Und sie dürfen endlich. Wunderbar, nicht wahr? Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich Frauenfußball mittlerweile lieber schaue, weil […]
Kretschmars Schattenlogbuch 00014
Von der doppelläufigen Doppelmoral Und … Klappe! Ich sitze in der Maske. Neben mir eine Kollegin, Hauptrolle in einer Krimiserie, jeden Dienstag Regional-TV. Sie spielt eine Ermittlerin mit leichtem persönlichem Chaos und starkem Gerechtigkeitssinn. In der Serie trägt sie die Waffe wie einen Anstecker der Tugend. Wie das gute Gewissen. Immer griffbereit. Immer legitimiert. Fünf […]
Kretschmars Schattenlogbuch 00012
Aus der Eremitage eines Verzweiflungskomödianten – Innere Aufrüstung gegen den Führeranspruch der freien Kunst. Heute: „Nur net lachen“ – Das Theater als intellektueller Schlachthof Nur net lachen. Das Theater – ein Ort, an dem das Lebendige seziert wird, bis es sich nimma rührt. Es gibt Regisseure, die sehen nur mit dem Anteil jener Sehstäbchen im […]
Manxmoi
Manchesmal, ja, manchesmal fliegen sie einem zu. Gedanken, die vielleicht nicht ganz einem selbst gehören, weil sie inspiriert sind …. Eine kleine Verbeugung vor H. C. Artmann. Manxmoi Manxmoi winschat i ma, i warat a klans vogal A gaunz a klans vogal met an zweigal in schnobö, oda ran wuam. Daun dad i mi […]
Kretschmars Schattenlogbuch 00009
Dialekt unter Verdacht: Vom Verhör der Sprache und dem Verlust des Eigenklangs Die Welt redet. Und Ermittler Kretschmar hört genau zu. Zuerst war’s wie ein Rauschen. Dann wurde es glatter. Glitschiger. Wie wenn man einem Fluss die Steine rausnimmt, damit er sich „leichter anhört“. Aber das Wasser verlor sein Kraft. Und Kretschmar irgendwie sein Gehör. […]
Kretschmars Schattenlogbuch 00007
Das Theater als Enklave autoritärer Phantasien Das Theater – auf den ersten Blick ein Ort der Freiheit, des Spiels, der Grenzüberschreitung. Doch bei näherem Hinsehen: eine paradox strukturierte Institution. Ein Raum kontrollierter Entgrenzung. Sein Versprechen ist Subversion – sein Fundament jedoch: Gehorsam. Erstaunlich, dass es stets rebellisch tut, wo es doch genau dafür gebaut wurde. […]
Kretschmars Schattenlogbuch 00002
„In Generalproben steckt das Wort: General“ Manche nennen’s Endspurt. Für andere ist’s der Moment, wo sich zeigt, was zählt. Und für ein paar wenige war es auch schon mal eine Bühne vor der Bühne – zur Demonstration ihrer Autorität. Die Generalprobe. Ein nahezu heiliger Ernstfall. Das, was in der Schul‘, der Feueralarm war: Eine Art […]
Kretschmars Schattenlogbuch 00001
„Ein Schauspieler is ka Werkzeug. Und wenn scho, dann a empfindliches. Kloa, man kann an Hammer hart anpacken. Aber a Geige? Die braucht a G’spür.“ So oder so ähnlich hätt Kretschmar’s Großvater das gesagt. Und vielleicht hat er recht gehabt. Denn der Ton macht nicht nur die Musik – er macht auch die Menschen. Ich […]
